chamanische Reisen

Eine Reise führt Menschen weg von einem Ort zu einem anderen Ort. In ihrem Kern sind schamanische Reisen nichts anderes. Im Unterschied zur gewöhnlichen Reise bleibt aber der Körper am Ursprungsort und nur der Geist geht auf Reisen. Außerdem ist bei einer schamanischen Reise die Zeit ein Faktor, der durch den Reisenden bestimmt wird. Die Reise kann eine räumliche Dimension haben; in einer schamanischen Reise ist aber auch die Bewegung durch die Zeit möglich. Eine stark abgemilderte Version einer solchen Reise kennt wohl jeder. In Form eines Tagtraumes bewegen wir uns an einen Ort zu dem wir möchten, lassen ein vergangenes Ereignis nochmals vor unserem geistigen Auge erstehen oder malen uns eine zukünftige Situation aus.

Worin besteht nun der Unterschied zwischen dieser milden Reiseform und einer schamanischen Reise? Zwei nennenswerte Unterschiede seien hier erwähnt. Zum einen wird eine schamanische Reise gezielt herbeigeführt, das heißt, die Gedanken schweifen nicht mehr oder weniger unwillkürlich zu einer Situation oder einem Ort ab, sie werden unter hoher Konzentration in einem Trancezustand gezielt hingeführt. Zum anderen handelt es sich nicht um eine bloße Vorstellung einer Reise, die Reise wird faktisch unternommen. Im Ergebnis bedeutet dies, dass der Ort beispielsweise tatsächlich aufgesucht wird. So ist es zum Beispiel möglich, und experimentell nachgewiesen, eine schamanische Reise zu einem Bekannten auf der anderen Seite des Erdballs zu unternehmen, ihn in seinem momentanen Zustand zu sehen und das gesamte Umfeld wahrzunehmen. Die Qualität einer solchen Reise ist prüfbar. Im vorgenannten Beispiel könnte man zum Beispiel angeben, welche Tageszeitung, welchen Artikel in dieser Zeitung oder welches Fernsehprogramm mit welcher Sendung der Besuchte gerade gelesen oder gesehen hat. Durch einen einfachen Anruf läßt sich dies verifizieren. Schamanische Reisen sind zu allen Zeiten durchgeführt worden; in der Vorzeit suchte der Schamane räumlich und zeitlich nach jagdbarem Wild, Druiden versuchten die Schlachtpläne feindlicher Stämme bei bevorstehenden Kampfhandlungen auf diese Weise in Erfahrung zu bringen und selbst in heutiger Zeit sind schamanische Zeitreisen keine Seltenheit, viele Menschen versuchen im Rahmen einer Rückührung für sich frühere Inkarnationen zu erschließen. Jedem, der sich zu einer schamanischen Reise entschließt, drängt sich im Anschluss an eine solche Reise die Frage auf, ob das, was er gesehen hat, tatsächlich der Wahrheit entspricht und nicht nur ein Produkt seines Geistes war. Die Esoterikwelle hat für solche Erfahrungen einen regelrecht boomenden Markt eröffnet. Da die Qualität einer Reise aber verschiedenen Faktoren unterworfen ist, sollten die Ergebnisse mit Vorsicht betrachtet werden. Entscheidend für die Qualität ist die persönliche Disposition des Reisenden, sein Kenntnisstand, seine Erfahrung und seine mentale Stärke. Bei geführten Reisen sind diese Kriterien auch für den Führenden geltend und außerdem spielt das Zusammenspiel und Vertrauensverhältnis zwischen Führendem und Reisendem eine Rolle. Scharlatanerie sind in diesem Bereich Tür und Tor geöffnet, daher empfiehlt der Verfasser grundsätzlich als erstes eine Reise zu machen, deren Ergebnis prüfbar ist.

Wie sieht nun eine solche Reise konkret aus? Da schamanische Reisen mit anderen Menschen grundsätzlich durch viele, von Fall zu Fall unterschiedliche, Faktoren beeinflusst werden, sei hier eine Reise exemplarisch beschrieben, die durch den Schamanen allein durchgeführt wird. Zunächst ist es von großer Wichtigkeit, dass der Reisende sich im Vorfeld der Reise in einem völlig entspannten Zustand befindet. Ist er belastet von Problemen, durch Alltagsstress belastet oder durch Vorgänge in seiner näheren Umgebung in Anspruch genommen, ist es relativ zwecklos eine schamanische Reise zu beginnen, die Ergebnisse werden immer unbefriedigend sein. Ist dieser grundsätzlich entspannte Zustand erreicht, wird eine Trance angestrebt. Hierzu trommelt der Schamane zunächst einen Rhythmus in einem Bereich von rund 60 bis 70 Schlägen pro Minute. Wird dieser Rhythmus über mehrere Minuten beibehalten, führt dies zu einer weiteren Entspannung und dem Absinken der Pulsfrequenz. Nachdem dies erreicht ist, wird der Rhythmus kontinuierlich auf rund 190 Schläge pro Minute gesteigert. Nach wenigen Minuten, bei geübten Schamanen nach wenigen Sekunden, befindet sich der Schamane in einer tiefen Trance. Ist dieser Zustand erreicht, visualisiert er sich selbst als Geistwesen, das sich vom Körper löst und schwerelos aufsteigt. Mittels Gedankenkraft ist dieses Wesen an jeden Ort und jede Zeit zu lenken. Im Extremfall kann sich der Schamane in diesem Zustand mit jedem anderen Wesen, seien es Menschen, Tiere, Pflanzen oder Gottheiten verbinden und wird für die Zeit der Reise zu diesem Wesen.

Entschließt sich der Schamane die Reise zu beenden, verlangsamt er den Rhythmus der Trommel wieder kontinuierlich auf 60 70 Schläge pro Minute und kehrt langsam wieder in seinem Körper zurück. Reisen dieser Art sind recht anstrengend und auch keineswegs ungefährlich. Verbindet man sich beispielsweise mit einer Gottheit, kann dies ein derart überwältigendes umfassendes Glücksgefühl bewirken, dass der Geist sich weigert in den Körper zurück zu kehren.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wieso man einen derartigen Aufwand, verbunden mit Gefahren für die eigene Integrität, treiben sollte, um eine solche Reise zu unternehmen.

Die Antwort auf eine solche Frage ist recht einfach. Schamanische Reisen sind immer dann sinnvoll, wenn auf eine andere Art und Weise nicht das gleiche Ergebnis erzielt werden kann. Sich beispielsweise das Wissen von vergangenen Generationen oder Inkarnationen oder ihren geistigen Horizont zu erschließen, ist auf konventionellem Weg nicht möglich. Durch eine schamanische Reise ist dieses Potential aber erreichbar und kann zur persönlichen Entwicklung genutzt werden. Selbst die Nutzung einer schamanischen Reise zum reinen Vergnügen ist in keiner Weise abzulehnen. Im Zuge einer Reise kann es zu solch überwältigenden Erfahrungen und Glücksgefühlen kommen, dass sich das graue Alltagsleben anschließend wesentlich besser ertragen lässt. Das Eintauchen in eine andere Person, andere Lebewesen oder gar in eine andere Epoche vermittelt zudem eine Erfahrung dessen, wie sich als objektiv angesehene Sachverhalte aus einem anderen Blickwinkel darstellen. Da bei dem Eintauchen zugleich nicht nur die logischen Verstandesinhalte erfasst werden, sondern auch die gesamte Gefühlswelt des Gastgeberwesens offen liegt, erweitern solche Reisen das Bewusstsein und Selbstverständnis des Reisenden ganz erheblich.