|
Wie schon beschrieben, ist jeder Wicca- oder Schamanenkreis ein magischer Ort, unabhängig davon, ob er sich in freier Natur oder in einem geschlossenen Raum befindet. Grundsätzlich kann an jedem beliebigen Ort das Gleiche bewirkt werden. Trotzdem wählen Wiccas, wie auch Schamanen, sofern die Möglichkeit hierzu besteht, mit Vorliebe Orte für Rituale aus, an denen bereits seit alten Zeiten den alten Göttern und Göttinnen gehuldigt wurde. Diese Orte sind für Wiccas und Schamanen erfüllt vom Geist ihrer Erbauer oder spirituellen Energie ihrer früheren Nutzer. In der Esoterikszene kursieren solche Kraftorte häufig als Geheimtipp. "Geheimtipps" sind zum Beispiel Stonehenge, Carnac in der Bretagne, die drei großen Pyramiden in der Nähe von Kairo, die alten Azteken-Tempel nahe Mexiko City und natürlich die alten balinesischen Tempelanlagen. Was von solchen "Geheimtipps", die auch als Pauschalreise gebucht werden können, zu halten ist, liegt wohl auf der Hand. Allein schon durch die Touristenströme an diesen Orten, dürften viele Menschen gar nicht in der Lage sein, die Kraft des Ortes wahr zu nehmen oder sogar ungestört dort ein Ritual durchzuführen. Natürlich handelt es sich bei allen diesen Orten um Plätze denen eine große Kraft innegewohnt hat oder zum Teil auch heute noch innewohnt. Aber zum einen leidet die Kraft eines Ortes durch die permanente Entweihung durch Touristenströme, die ohne innere Verbindung nur mal schnell etwas Kultur absolvieren möchten, einige Fotos machen und dann zur nächsten Sehenswürdigkeit hasten, zum anderen gibt es auch heute noch viele wenig bekannte Kraftorte, an denen in aller Ruhe und völlig ungestört Rituale durchgeführt werden können und die auch nicht weniger Kraft besitzen. Orte an denen über einen langen Zeitraum kultische Handlungen stattgefunden haben, verfügen über eine besondere Ausstrahlung. Dies gilt gleichermaßen für Moscheen, Hindutempel, buddhistische Tempel, christliche Kirchen, Heiligtümer der Naturreligionen, Kult- und Opferhöhlen der Steinzeit. Ob sich die besondere Ausstrahlung, oder anders gesagt, die besondere Energie eines Ortes, nutzbar machen lässt, hängt von der jeweiligen Einstellung des Einzelnen ab. Ein Wicca wird mit Sicherheit die Energie eines alten Hindutempels erfühlen können, er wird aber unter Umständen mit dieser Energie keine praktische Arbeit verrichten können. Die Energien dieser Orte sind stark an den Geist der Personen gebunden, die an diesen Orten kultische Handlungen vornahmen. Bei jedem Ritual bleibt ein kleiner Teil der Energie der Teilnehmer an dem Ort zurück. Die Funktionsweise solcher Orte ist mit einer Sparkasse vergleichbar; durch die Durchführung von Ritualen wird Energie eingezahlt, im Laufe der Zeit verzinst sich diese Energie, das heißt sie wächst an und schließlich kann aus solchen Orten auch Energie gezogen werden. Bleibt man bei diesem Bild, so liegt auf der Hand, dass ein Ort der über tausende von Jahren kontinuierlich genutzt wurde, durch die "Verzinsung" über hohe Energien verfügt. Außer diesem Zeitfaktor spielt natürlich auch die Qualität der "eingezahlten" Energie eine Rolle; Orte an denen lediglich einer Gottheit gehuldigt wurde, haben bei weitem nicht die Kraft wie Orte an denen eine unmittelbare Verknüpfung zum Leben ihrer Nutzer besteht. Für solche Orte seien als Beispiel Opfer- und Begräbnisplätze genannt. Neben dieser zeitlichen und Intensitätskomponente spielt auch die geographische Lage der Orte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Nach neo-druidischer Auffassung ist die gesamte Erde überzogen von Kraftlinien. Diese Linien verbinden Kraftorte miteinander, an Stellen an denen sie sich kreuzen, sind die Orte größter Kraft. Nachdem man festgestellt hat, dass Orte wie zum Beispiel Stonehenge, die Pyramiden von Gizeh und die Externsteine durch solche Linien verbunden sind, gilt diese Einschätzung als allgemein anerkannt in esoterisch interessierten Kreisen. Worin unterscheidet sich nun aber der Ritualraum eines beliebigen Wicca von einem solchen Kraftort? Die Antwort auf diese Frage ist relativ einfach: Alle Rituale sind grundsätzlich überall möglich, an bestimmten Orten ist ihre Durchführung, ihre Qualität und letztlich ihr Ergebnis einfach besser. Am Beispiel eines Heilrituals läßt sich dies anschaulich darstellen. An einem Ort an dem seit tausenden von Jahren Kranke in einem kultischen Rahmen Heilung gesucht haben, beispielsweise an einer Quelle, kann selbst ein ungeübter Schamane, der in einem alltäglichen Rahmen nie und nimmer den Kern der Erkrankung eines anderen Menschen finden würde, sich leicht in einen Trancezustand begeben, der es ihm ermöglicht die Krankheitsursache zu finden. Auch der zu Behandelnde wird, ohne eigenes Zutun, für die Bemühungen des Schamanen offener sein, als dies an einem anderen Ort der Fall wäre. Selbst wenn diese Eigenschaften womöglich nicht direkt dem Ort zugeschrieben werden könnten, wird sich trotzdem ein besseres Ergebnis allein dadurch erzielen lassen, weil beide Beteiligten, Schamane und zu Behandelnder, sich in einer günstigeren psychischen Konstellation befinden. Dies wäre dann eine Art Plazebo-Effekt. Wünschelrutengänger und sensible Menschen finden Kraftorte ohne großen Aufwand. Selbst magisch völlig unerfahrene und esoterisch desinteressierte Menschen, haben an solchen Orten häufig eine Wahrnehmung der vorhandenen Kraft; sie nehmen eine ehrfürchtige Haltung ein oder der Ort verursacht ihnen eine Gänsehaut. Sie spüren zwar die Kraft, können sie jedoch nicht in einen Kontext zum Ort bringen. Werden diese Orte häufig von solchen Menschen besucht, wie dies zum Beispiel an allen touristischen Schwerpunkten der Fall ist, führt dies zu einem Verfall der Kraft. Da diese Menschen die Orte zwar als "seltsam" empfinden, sich aber die Ursache für dieses Empfinden nicht erklären können, bauen sie unbewusst eine Abwehrhaltung gegen die Energie des Ortes auf. Diese "Abwehrhaltung" ist jedoch auch eine Form menschlicher Energie und auch von dieser negativen Energie bleibt ein kleiner Teil an dem Ort zurück. Betrachtet man unter diesem Aspekt die Touristenströme, die durch Stonehenge geschleust werden, kann man sich leicht vorstellen, wie es um das "Energiekonto" dieses Ortes bestellt ist. Aus diesem Grund kann es häufig sinnvoll sein, für ein Ritual nicht den geographisch günstigsten Ort mit der ältesten Tradition zu nehmen, sondern einen abgeschiedeneren unbekannteren Ort zu wählen. |