rundlagen

Um dieser Thematik gerecht zu werden, ist es zunächst erforderlich die geschichtlichen, philosophischen und religiösen Grundlagen der heutigen Gesellschaft zu erörtern. Naturgemäß entbehrt diese Erörterung jeglicher Vollständigkeit und kann nur den Zusammenhang zu diesem einen Thema quasi wie in einem Scheinwerferkegel beleuchten. Es liegt auf der Hand, dass der Bereich außerhalb dieses Kegels wesentlich größer ist, als der Kegel selbst. Als Entschuldigung mag gelten, dass das Bemühen darauf gerichtet war, in diesem Kegel für gutes helles Licht zu sorgen.

Bevor romanische Völker in Mitteleuropa eine Vormachtstellung erreichten, unterschied sich die philosophisch-religiöse Weltsicht der Menschen in diesem Raum nur dadurch, dass ein Teil einem Sonnenkult, der andere Teil einem Mondkult anhing. Letztlich waren beide Kulte, wie eben Tag und Nacht, nur die zwei Seiten ein und derselben Münze. Trotzdem, und dies lässt sich aus archäologischen Funden einwandfrei rekonstruieren, unterschieden sich beide Kulte deutlich in ihrer Ausrichtung. Während der Sonnenkult deutlich maskulin geprägt war, feste Tempelanlagen, zum Teil megalitischen Ausmaßes, erstellte und neben einer mächtigen Priesterschaft auch einen nicht unerheblichen Verwaltungsapparat benötigte, um die Bauwerke zu erstellen und zu bewahren, war der Mondkult eher feminin ausgerichtet. Seine Tempel waren natürliche Orte, wie Quellen, Haine und sonstige markante Geländeformationen. Während auf dem europäischen Festland die Priesterschaft, nach allem was wir wissen, vermutlich in der Hand von Schamanen und Schamaninnen lag, gab es im heutigen Britannien in Cornwall, Wales, England, Schottland und in Irland wohl auch eine fest organisierte Priesterschaft. Soweit dies heute rekonstruierbar ist, handelte es sich bei den Priesterinnen vorwiegend um einen Typus, den wir heute als Hexe bezeichnen würden. Es waren wohl schamanische Heilerinnen, die über erhebliches pharmazeutisches, medizinisches Wissen und allgemeine Kenntnisse der Biologie verfügten. Die verehrten Gottheiten hatten eine durchweg weibliche Ausprägung, was nicht zugleich bedeutet, dass alle Gottheiten dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden mussten.

Den Gegenpol zu diesen Mondpriesterinnen bildete eine Druidenschaft. Druiden waren mit absoluter Sicherheit wesentlich differenzierter, als ihr heute existierendes Klischee. Während sie heute nahezu ausschließlich in einer Funktion als Magier gesehen werden, waren sie zur hohen Zeit ihres Kultes wohl eine Mischung aus Magier, Seher, Astronom, Astrologe, Arzt, Philosoph, Sänger, Dichter, Theologe und nicht zuletzt Politiker. So werden sie uns auch vom römischen Geschichtsschreiber Cicero geschildert.

Soweit dies heute aufgrund der fehlenden schriftlichen Überlieferung feststellbar ist, waren die beiden Ausrichtungen im Normalfall streng getrennt. Den Omphalos, den religiösen Mittelpunkt, des maskulinen Sonnenkultes vermutet man heute in den druidischen Heiligtümern auf der heutigen Halbinsel Angelsey (mit altem Namen Inis Môn). Den Gegenpol zu diesem Omphalos stellte das Zentrum einer Priesterinnenkultur in Inis Witrin dar, welches wir heute in der Gegend um das südenglische Glastonbury vermuten. Einige alte Quellen, deuten an, dass es sich hierbei außerdem wohl um das sagenhafte Avalon gehandelt haben könnte. Während aber das druidische Zentrum in Inis Môn durch den römischen Geschichtsschreiber Tacitus eindeutig belegt ist, fehlen solche eindeutigen Dokumente in Bezug auf Inis Witrin völlig. Inis Witrin lässt sich nur aufgrund von mündlichen überlieferungen und alten Sagen räumlich eingrenzen. Ebenfalls nach alten Überlieferungen kam es nur jeweils in der Nacht vor Beltane ("Feuer des Bel") zu einer Vereinigung der beiden Kulte. Beltane selbst ist wohl keltischen Ursprunges wie auch der Name auf den Gott Bel hindeutet. Das Fest selbst ist aber deutlich älter. Bereits die Vorkelten, über die wir nur sehr wenig wissen, feierten an diesem Tag die Ankunft der Tuatha de Danann auf der Erde. Die Tuatha de Danann müssen wir uns als eine Sippe von Göttern vorstellen, deren Herkunft im Dunkel liegt, von der heute jedoch nicht wenige annehmen, dass ihre ursprüngliche Heimat im sagenhaften Atlantis lag. Der philosophisch-religiöse Hintergrund des Beltanefestes war damals eine Vereinigung der Menschen mit dem Land, das sie bewohnten. So wie sich die Tuatha de Danann bei ihrer Ankunft mit dem Land und den Einwohnern vermählten, vollzogen zu keltischer Zeit Druiden und Priesterinnen an diesem Tag eine Vereinigung, wobei die Druiden den Sonnenaspekt und die Priesterinnen das Land symbolisierten. Diese Vereinigung der Kulte zu einer für diesen Tag wirksamen und auf das ganze Jahr ausstrahlenden Macht wurde wahrscheinlich nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich in einem vielfachen sexuellen Akt begangen. In dieser Nacht gezeugte Kinder wurden als dem Sonnengott Bel geweiht und quasi heilig betrachtet.

Beide Kulte waren stark auf individuelle Entwicklung ausgerichtet. Sowohl bei den Druiden als auch den Mondpriesterinnen war alles darauf ausgerichtet, durch persönliche Entwicklung im Rahmen eines übergeordneten kollektiven Planes und durch die Entfaltung eigener, wohl magischer Fähigkeiten, zugleich verändernd auf diesen Plan einzuwirken. Mit zunehmender Keltisierung zog ebenfalls das Bild paralleler Welten in die Philosophie ein. Das Verständnis für die real wahrnehmbare Welt wurde unmittelbar verknüpft mit der einer parallelen Welt Namens Anwn. Anwn ist am besten mit dem Begriff Anderswelt zu übersetzen. Die Vorstellung ging dahin, dass es sich bei dieser Welt um eine Realität handelt, die unserer Realität sehr ähnelt, mit dem großen Unterschied, dass man sie in der Regel nur durch das Sterben in der wahrnehmbaren Welt erreichen konnte und dort keinerlei Zeit existiert. Lebende Menschen, die durch schamanische Fähigkeiten bewusst in diese Welt reisten oder Menschen, die durch eine Verkettung verschiedener Fügungen versehentlich dorthin gerieten, konnten sich dort Jahre aufhalten, während in der real wahrnehmbaren Welt nur Stunden vergangen waren; anderseits wurde in Sagen beschrieben, dass Menschen nur kurz in Anwn weilten und erst mehrere Generationen später in unsere Welt zurückkehrten.

Für Verstorbene war Anwn eine Zwischenstation, in der sie sich vom Leben erholen konnten. Nach einer nur durch eigene Bestimmung festgelegten Zeit konnten sie wieder in die Welt der Lebenden in einem Akt der Wiedergeburt zurückkehren. In diesen Wiedergeburtszyklen erreichen sie sozusagen in einem Automatismus irgendwann eine Endstufe der Entwicklung. In dieser Stufe erreichen sie einen göttlichen Status. Nach dem Erreichen dieser Entwicklungsstufe, haben sie jedoch weiterhin die Möglichkeit in die wahrnehmbare Welt zurück zu kehren; sie werden allerdings nicht mehr wiedergeboren, sie können frei zwischen den Welten wechseln. Nach keltischer Auffassung kommen sie dann als Lehrer und Bewahrer vor Unheil in unsere Welt zurück.

Der Wunsch nach persönlicher Entwicklung und die große Individualität der keltischen Philosophie führte dazu, dass sich die Kelten sehr leicht von den christiansierten Römern assimilieren liessen. Nirgendwo war christliche Missionierung so leicht machbar wie in den keltischen Regionen Europas. Das Christentum stellte ebenfalls die persönliche Entwicklung des Einzelnen in den Vordergrund, auch wenn dem Menschen hierfür in dieser Religion nur ein Leben zur Verfügung stand. Bis auf diesen Umstand waren die Vorstellungen zwischen christlichen Priestern und den alten Kulten scheinbar sehr ähnlich. Das einfache Volk hatte keine Probleme mit der übernahme der neuen Religion und praktizierte zeitweise beide Religionen parallel.

Die christlichen Missionare taten ein übriges, in dem sie versuchten, integrierbare Teile der alten Religion in das Christentum einzubringen. Als Beispiele seien hier die vielen christlichen Kirchen genannt, die auf den Fundamenten von alten Tempeln erbaut wurden oder die keltische Göttin Bride, die über die römischen Brigantia zur christlichen Brigit (Brigitte) wurde.

Die philosophisch gebildeteren Bevölkerungsschichten, Druiden und Mondpriesterinnen, erkannten zwar mit absoluter Sicherheit die großen Unterschiede zwischen den Religionen, hatten aber der wirtschaftlichen, sozialen und militärischen Macht des vorwärtsdrängenden Christentums nichts Entscheidendes entgegen zu setzen. So kam es dort nicht zu den gewaltigen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der alten Religion und den vorrückenden christlichen Missionaren, wie dies zum Beispiel in Germanien am Beispiel des Bonifatius dokumentiert ist, der eine heilige Eiche fällte und daraufhin von der Bevölkerung gelyncht wurde. Selbst diesen Todesfall versuchte das Christentum jedoch noch auf eine höhere Ebene zu heben und die Heiligkeit des Tuns des Bonifatius dadurch hervorzuheben, dass er nicht irgendeine heilige Eiche gefällt habe, es sei die Irminsûl gewesen, was natürlich absoluter Unsinn ist.

Ein weiterer taktisch gut gewählter Aspekt der christlichen Missionierung war, dass zunächst nicht versucht wurde, die breite Masse des Volkes zu erreichen. Es wurde angestrebt, den jeweiligen Herrscher zu "bekehren". War dies gelungen und das Christentum zur Staatsreligion geworden, wurde die Macht des Herrschers für die Christianisierung des Volkes genutzt.

So, wie das Christentum immer weiter in den Vordergrund trat, so zog sich die alte Religion zunehmend zurück. Trotz aller Vernichtungsfeldzüge auf militärischer und psychologischer Ebene gelang es jedoch den Christen nie aller religiösen Führer und Führerinnen der alten Religion habhaft zu werden. Selbst neun Millionen ermordete Frauen und Männer in der Zeit der Inquisition änderten an diesem Sachverhalt nichts. Das Wissen wurde weiterhin an neue Generationen weitergegeben und lebt auch im Volk weiter, wenn sich die Menschen dessen heute auch nicht mehr bewusst sind. Was ursprünglich als genialer Schachzug der christlichen Kirche und ihrer Missionare erschien, nämlich die Okkupation der alten Feste und deren Besetzung mit christlichen Inhalten hat letztlich dazu geführt, dass diese Feste auch heute noch Bestand haben. Als Beispiele seien Beltane/1.Mai, Ostara/Ostern und Mitwinter/Weihnachten genannt.

Was hat das nun alles mit unserer heutigen Situation zu tun? Niemand wird ernsthaft die heutige mittel- und westeuropäische Gesellschaft als christlich bezeichnen. Trotzdem ist es unverkennbar, dass 2000 Jahre Christentum tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen haben und maßgeblich für deren heutigen Zustand verantwortlich sind. Beispielsweise die Geringschätzung der Natur, die uns in unsere gegenwärtige ökologische Krise geführt hat, lässt sich in letzter Konsequenz auf den biblischen Satz "Ihr seid die Krone der Schöpfung, macht euch die Erde untertan" zurück führen. Nur mit einer Einstellung, wie sie hinter diesem Satz steht, lässt sich der gedankenlose Umgang der Mittel- und Westeuropäer mit ihrer Umwelt erklären. Für die Anhänger der alten Religion wäre es, selbst wenn sie die technischen Möglichkeiten besessen hätten, unvorstellbar gewesen, Atomkraftwerke mit ihren nicht abschätzbaren Folgen für die Umwelt (und das auf tausende Generationen hin) zu bauen. Dies war nur in einer Gesellschaft möglich, die in philosophisch/religiöser Hinsicht den Menschen zum Maß aller Dinge machte.

Im 9. Jahrhundert beginnend hat das Christentum in den letzten tausend Jahren das gesamte gesellschaftliche Leben in seinem Einzugsbereich durchdrungen. Sich dessen bewusst zu sein und sich zugleich gegen diese Durchdringung zu wehren, ist für heutige Menschen ein schwieriges Unterfangen. Dies äußert sich zum Beispiel in Kleinigkeiten unseres Alltags. Ist uns zum Beispiel etwas gelungen, was genauso gut schlecht hätte ausgehen können, was sagen wir? "Gott sei Dank." Oder irgend etwas will uns gar nicht gelingen: "Es ist wie verhext."

Heutzutage gibt es praktisch keinen Aspekt des Lebens in unserer Region, der nicht christlicher Prägung und Mitbestimmung unterworfen ist. Als Beispiele seien "die Ehe als Keimzelle des Staates", die Kirchensteuer, die unsägliche Abtreibungsdebatte in Deutschland, Empfängnisverhütung, Selbstbestimmung der Frauen, der Religionsunterricht in den Schulen, Schulgottesdienste, die quasi gewerkschaftsfreien "Tendenzarbeitsverhältnisse" in kirchennahen Institutionen, die staatlich verordneten christlichen Feiertage, die "Sonntagsruhe", die staatlich freigegebenen Missionierungsfelder (Beispiel: christliche Kindergärten) genannt und nicht zu letzt unterliegen selbst die Friedhöfe kirchlichen Regularien. So wurde es einem Bürger einer kleinen (katholischen) Eifelgemeinde gerichtlich untersagt, seine verstorbene Ehefrau nach ägyptischem Ritus einbalsamieren und auf dem örtlichen Friedhof begraben zu lassen.

Dies ist nun kein Plädoyer gegen die christliche Religion. Es ist eine Religion, wie alle anderen und kann einzelnen Menschen sehr wohl spirituelles Wachstum bringen. Aber sie gehört nicht in unseren Kulturraum und ist nach Ansicht des Verfassers nicht mit unserer Mentalität (ohne Schaden für uns und andere) vereinbar. Ihre verheerende Wirkung bezieht diese Religion nicht aus sich selbst sondern aus dem Zusammenspiel zwischen sich und der west-/mitteleuropäischen Mentalität. Genau diese aggressiv auf Expansion bedachte Religion traf in der Geschichte auf Menschen wie Karl den Großen, Cortez, Columbus, Heinrich VIII. und Richard Löwenherz, die im Namen dieser Religion unsägliches Leid über die Völker der Erde bringen konnten. Unter dem Deckmantel des Christentums konnten eigene Machtgelüste und die Unterdrückung ganzer Völker realisiert werden, zum Nutzen des jeweiligen Herrschers und der christlichen Kirchen.

Welche Auswirkungen hat dies nun auf Menschen, die heute die alte Religion ausüben? Libertinär gesinnte Menschen würden sagen: "Keine. Es gibt keine Scheiterhaufen mehr, Religionsfreiheit ist grundgesetzlich garantiert."

Beides ist zwar zutreffend, aber bedingt durch die Durchdringung der Gesellschaft durch das Christentum funktioniert die Unterdrückung heute auf eine weitaus differenziertere Weise. Wer sich heute offen zu Naturreligion, Hexerei und Schamanentum bekennt, wird bestenfalls als Spinner und Sonderling abgetan. Wahrscheinlicher ist aber, dass er einer gesellschaftlichen Ächtung anheim fällt, gemieden wird und beruflich erhebliche Schwierigkeiten zu erwarten hat. Aus den einst hochgeachteten Schamanen, Druiden, Mondpriesterinnen, Magiern, Hexern und Hexen sind heute Menschen geworden, die ihr Handwerk (denn das ist es auch) und ihre Religion nur im Verborgenen ausüben können. In den letzten fünfzig Jahren hat sich hier jedoch fast unbemerkt, mit dem Heraufziehen des Wassermann-Zeitalters, eine Wandlung vollzogen. Immer mehr Menschen suchen ihre ursprüngliche Spiritualität und wenden sich der alten Religion zu.