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Über die Anfänge der philosophischen und religiösen Entwicklung kann heute nur spekuliert werden. Naturgemäß fehlen schriftliche Aufzeichnungen völlig. Im norwegisch/schwedisch/finnischen Grenzgebiet hat sich jedoch eine samische (lappländische) Kultur erhalten, die weitgehend unbeeinflusst von der modernen Gesellschaft geblieben ist. Auch wenn dort inzwischen natürlich auch Fernsehgeräte, Computer, Autos, Motorboote und Motorschlitten Einzug gehalten haben, ist trotzdem das gesamte Leben von der dort übermächtigen Natur, mit ihren langen Wintern und ihren kurzen heftigen Sommern und den Rentierpfaden abhängig. Das Christentum ist dort in keiner Weise verankert. Größere Städte, wie Narvik oder Kiruna, haben zwar jeweils eine christliche Kirche. Diese ist aber im Verhältnis zur Einwohnerzahl geradezu lächerlich klein. Jedes 300-Einwohner-Dorf in Deutschland hat eine größere Kirche. Die Religiosität der Menschen hat sich dort seit tausenden Jahren kaum geändert, die Wurzeln sind dort heute deutlich sichtbar.

Um zu den Wurzeln der Spiritualität unserer Region zu gelangen, müssen wir weit in unsere Geschichte eintauchen. Stellen wir uns die eiszeitliche oder bronzezeitliche Sippe vor, die weitgehend abhängig war von der Natur und den für sie unerklärlichen Naturgewalten. Ihr eigenes Überleben konnten sie nur dann sichern, wenn sie im Einklang mit der Natur lebten und zugleich Erfolg in der Jagd und in der Durchsetzung ihrer Interessen gegen andere Sippen hatten.

Zu allen Zeiten hat es einzelne Menschen gegeben, die aufgrund ihrer persönlichen Disposition und besonderen Eigenschaften einen leichteren Zugang zu verborgenen und transzendenten Welten fanden. Sobald sich bei einem Heranwachsenden (meist in der Pubertät) diese Eigenschaften zeigten, wurde er von allen alltäglichen Verpflichtungen in der Gemeinschaft entbunden und dem Schamanen der Sippe (jede Sippe hatte ihren Schamanen) als Helfer übergeben. Da er bei allen Verrichtungen des Schamanen zugegen war, bedeutete diese Zeit als Helfer zugleich eine Lehrzeit. Nach einer Initiation, die die Samen "Entfaltung" (in samisch "Leahkastin") nennen, am Ende der Lehrzeit, wird der Helfer zum Schamanen. Diese "Entfaltung" ist eine bewusst herbeigeführte Grenzerfahrung. Der Initiant begibt sich in eine Situation in der körperliche Kräfte und Fähigkeiten keine Rolle spielen und die körperliche Existenz über einen längeren Zeitraum, stunden- oder tagelang, fraglich wird. Das Bewusstsein dieser Situation fordert seine psychischen Fähigkeiten aufs äußerste. Der Ritus ansich wird vor dem Initianten geheimgehalten; erst wenn er sich zur "Entfaltung" bereit erklärt hat, wird ihm eröffnet, wie er seine Initiation zu gestalten hat. Ein Initiationsritus, der sich zum einen heute nur noch schwer realisieren lässt, sei hier beschrieben.

Der Initiant wird von den Fußknöcheln bis zum Hals in das Fell eines frisch geschlachteten Rentieres eingenäht. Die Fellseite weist hierbei zum Körper des Initianten. Die noch blutige und mit Fleischresten behaftete Innenseite wird zur Außenseite. Anschließend wird der Initiant an einem Weg, der häufig von Bären begangen wird oder vor einer bewohnten Bärenhöhle abgelegt. Er hat keinerlei Möglichkeit sich aus seinem Fellsack zu befreien. Zunächst wird er versuchen, seine Ängste (die ja durchaus einen realen Hintergrund haben) zu verdrängen und sich soweit möglich abzulenken. Für eine gewisse Zeit mag dies gelingen, aber nach einigen Stunden und besonders dann, wenn die Gefahr real wird, also ein Bär sich nähert, wird er zwangsläufig aus dieser Verdrängungshaltung gerissen. Da ihm alle anderen Möglichkeiten, wie Flucht oder Gegenwehr, genommen sind, versucht er dann seine erlernten schamanischen Fähigkeiten einzusetzen. Praktisch sieht das so aus, dass er ein Schutzlied anstimmt, seine Seele den Körper verlässt und er versucht in den Geist des Bären einzutauchen. Gelingt ihm dies, so wird er den Bären veranlassen können, dem frischen Fleisch und Blut auf dem Rentierfell zu widerstehen und weiter zu ziehen. Falls nicht, war er nicht zum Schamanen berufen.

In unserer rationalen Gesellschaft erscheint uns eine solche Initiation als barbarisch und die Tatsache, dass sich jemand im Bewusstsein der Gefahr freiwillig in eine solche Situation begibt, als irrsinnig.

Das Ergebnis dieser "Entfaltung" wird sein, sofern der Initiant das Leahkastin körperlich und geistig gesund übersteht, dass sich ihm seine Götter, Krafttiere und seine persönlichen Schwächen, Mängel und Unzulänglichkeiten, sowie das gesammelte Wissen der Ahnen seiner Sippe vermitteln. Dies geschieht natürlich nicht in einem rationalen Akt sondern, in einem tranceähnlichen Zustand und über die direkte Erfahrung. Besonders die Konfrontation mit sich selbst und seinen Schattenseiten ist eine der wesentlichen Erfahrungen des Leahkastin. Psychologisch ausgedrückt, befähigt ihn diese Selbsterfahrung dazu, künftig ohne die Projektion der eigenen Schattenseiten auf die Umwelt und seine Mitmenschen, heilend tätig zu sein.

In prähistorischer Zeit waren Schamanen auf Lebenszeit von den üblichen Aufgaben eines Mannes oder einer Frau (damals wie heute gab es männliche und weibliche Schamanen) freigestellt. Seine Aufgabe war es nicht zu jagen, sondern den Zeitpunkt der Jagd zu bestimmen, jagdbare Tiere heran zu locken, die Geister der Tiere mit dem Jäger zu versöhnen, körperliche und psychische Krankheiten und Verletzungen zu heilen und Mittler zu den Ahnen, Erdgeistern und Göttern zu sein.

Er/Sie war in jeder Beziehung der unangefochtene geistige und religiöse Führer der Sippe. Aus dieser Führerschaft erwuchs eine große Ehrerbietung, die Schamanen entgegen gebracht wurde. Auf der anderen Seite waren Schamanen nicht nur hoch geachtet, sie wurden auch, selbst von den Mitgliedern, der eigenen Sippe gefürchtet.

Diese Furcht resultierte daraus, dass Schamanen in keiner Weise den sonst geltenden Regularien (Gesetzen) der Sippe unterworfen waren. In Verbindung mit ihrem pharmakologischen und spirituellen Wissen und ihrer Einstellung, nur dem Willen der Götter unterworfen zu sein, waren ihr Weg und ihre Entscheidungen oft nicht für ihre Umgebung nachvollziehbar. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Schamanen, da sie Menschen waren, natürlich auch ganz persönliche menschliche Unzulänglichkeiten hatten und im Namen des Schamanismus natürlich auch von einzelnen ganz erhebliches Unrecht verübt wurde.

Aus welchen Gründen auch immer; einen Schamanen zum Feind zu haben, war wohl das Schlimmste, was einem steinzeitlichen Jäger passieren konnte. Es bedeutete seine totale Isolation in der Sippe, sein wirtschaftliches und soziales Ende.

Das Leben der Menschen wurde von der Geburt bis zum Tode (und darüber hinaus) durch den Schamanen begleitet. Die erste Aufgabe eines Schamanen nach der Geburt eines Kindes war es, sein Totem-/Krafttier herauszufinden und einen hierzu passenden Namen fest zu legen. Ausbildung, eigene Erfahrung und nicht zuletzt das Leahkastin befähigten ihn hierzu.

Verstarb ein Mitglied der Sippe, so war es Aufgabe des Schamanen ein Begräbnis zu organisieren, den Grabplatz her zu richten und dem Toten eine möglichst angenehme Reise in die Anderswelt zu ermöglichen. Je nach sozialem Rang, geschichtlicher Epoche und entsprechend regionalen Besonderheiten waren diese Riten unterschiedlich. Zum Teil wurden auf diese Weise unvergängliche Kunstwerke geschaffen. Das Grab auf der Ille de Gavrinis (Bretagne), die Boyne-Gräber (Irland), allen voran Newgrange, die Cueva de Menga (Antequera, Spanien), die maltesischen und kanarischen Gräber mögen als Beleg genügen.

Es sollte aber nicht davon ausgegangen werden, dass diese reiche Ornamentik und Felsritzungen durch Schamanen selbst angebracht wurden. Dies dürfte wohl die Aufgabe ihrer Helfer/Schüler gewesen sein.

Nicht nur Gräber, auch magische Werkzeuge und Ritualorte wurden mit sakraler Kunst versehen. Als Belege hierfür mögen die allseits bekannten Höhlen von Altamira und Lascaux gelten.

Diese "Kunst", so sehr sie uns heute auch berühren mag, darf aber nicht als Kunst oder Selbstzweck gesehen werden. Letztlich handelte es sich um einen Tribut an die Geister der Tiere, des Waldes und der Steppe und um ein Zeichen der Hochachtung vor den Göttern.

Das Pantheon der samischen Religion ist nahezu unüberschaubar; ähnlich wird es sich zu prähistorischen Zeiten verhalten haben. Neben einer Vielzahl von Dämonen, Wald-, Steppen- und Tiergeistern, Feenwesen, Unterweltstrollen, Erd-, Wind- und Wassergeistern, die zwar alle mächtig sind, jedoch keinen Götterstatus besitzen, gibt es eine erhebliche Anzahl an echten Göttern. Jeder Gott hat eine weibliche Entsprechung in Form einer Göttin, die mit den gleichen Fähigkeiten und Wesenszügen ausgerüstet ist. Die Samen begreifen diese Götter und Göttinnen jedoch nur als Einzelaspekte der einen Göttin, die sie DIE GROSSE MUTTER nennen. Die Aufspaltung in Einzelgottheiten hat nur den Zweck, die große Göttin für den begrenzten menschlichen Verstand begreifbar zu machen. Als Ursprung allen Seins und allumfassende Göttin des Universums verstehen sie die große Mutter, die unter dem Namen Madder-Edne verehrt wird. Diese Göttin sehen sie in allem, von den Sternen bis zum Staubkorn. Sie wird ausschließlich von Schamanen verehrt, denen sie sich im Leahkastin erschlossen hat. Madder-Edne ist die Mutter von drei Töchtern, Sar-Edne, Juks-Edne und Uks-Edne.

Sar-Edne wird als die Schöpferin der sichtbaren Welt und der Anderswelt gesehen. Nach der Vorstellung der Samen wurde sie als reine Seele geboren, die sich als Gefäß für diese Seele selbst einen Körper schuf. Sowohl Madder-Edne als auch Sar-Edne werden oft auf den Trommeln der Schamanen, die ihre Reittiere zu anderen Welten sind, dargestellt. Während Madder-Edne körperlos und nur als Symbol, drei Strahlen mit einem gemeinsamen Ursprung, dargestellt wird, wird Sar-Edne als reife Frau dargestellt, die in ihren Händen einen an der Spitze gespaltenen Stab hält. Sar-Edne gilt als Geburtsgöttin, die allem Leben auf der Erde zu seiner Bestimmung verhilft und somit auch dem Neugeborenen bei der Trennung von der Mutter. Der gespaltene Stab ist ein Symbol dieser Trennung.

Juks-Edne wird als alte Frau gesehen. Ihr Symbole sind Pfeil und Bogen. Sie ist eine kriegerische Göttin, die das Erbe ihrer Mutter (die Natur, Anm. d. Verf.) notfalls auch mit Gewalt verteidigt. Sie ist der todbringende Aspekt der großen Mutter.

Uks-Edne findet sich in allen Darstellungen als junge Frau. Ihr Aspekt ist die Schöpfung von neuem, so entscheidet sie zum Beispiel darüber, ob ein Fötus im Mutterleib ein Junge oder ein Mädchen wird.

Eine weitere Göttin ist Yabme-Edne. Sie ist die Göttin der Anderswelt und wird als Skelett in den Kleidern einer alten Frau dargestellt. Sie herrscht über ein Totenreich und gilt als äußerst unumgänglich. Ihr zur Seite steht ein Helfer, ein kleiner Mann in einem blauen Gewand. In dieser Figur ist der Ursprung der blauen Ritualkleidung der Schamanen zu sehen.

Rana Neida ist die Frühlingsgöttin der Samen. Sie steht für geistiges und physisches Wachstum. In ihrem dunklen Aspekt werden ihr Blutopfer gebracht.

Poshjo-Edne ist eine Jagdgöttin. Es ist Sitte vor einem ihr geweihten Busch (meistens Haselnuss) den Kopf des getöteten Tieres zu vergraben. Dies ist notwendig, damit dem Tier eine Wiedergeburt und somit die Rückkehr in den ewigen Kreislauf erlaubt wird.

Pohjan-Edne ist die Göttin eines Totenlandes, in das nur eines gewaltsamen Todes gestorbene Menschen kommen. Das Land heisst Pohjan. Pohjan-Edne ist die Schutzmutter aller Schamanen und Hexen. Nur diesen ist es auch erlaubt, das Land Pohjan als lebende Menschen zu betreten.

Mere-Ama ist die Göttin des Meeres und aller fließenden Gewässer. Sie wird als junge Frau mit silberweißem langen Haar gesehen. Sie schützt die Menschen vor der verderblichen Kraft des Wassers, ihr werden Lebensmittel, Brot und Früchte (kein Fleisch) geopfert, indem man die Nahrung in ein fließendes Gewässer oder das Meer wirft.

Paive ist die Sonnengöttin der Samen. Sie reist mit einem von Rentieren gezogenen Wagen über das Firmament. Paive wird oft bei Heilungsritualen durch Schamanen angerufen, da sie über Heilkraft und Energie verfügt.

Lodis-Edne ist die Göttin der Luft. Ihr unterstehen alle Tiere des Himmels. Sie erscheint als junge Frau, die anstelle der Arme Adlerschwingen hat. Sie gilt als die Göttin, die den Menschen Wissen, Weisheit und Kenntnisse gebracht hat.

Neben diesen echten Göttern existieren noch göttliche Wesen, die zwischen den Menschen und Göttern angesiedelt sind. Während die Götter jedoch immer in Persona einen weiblichen und einen männlichen Aspekt haben, die weiblichen Aspekte werden durch Schamanen gerufen und verehrt, die männlichen durch Schamaninnen, sind diese Zwitterwesen zwischen Gott und Mensch immer als (Ehe)-Paar dargestellt. Das Paar des Neumondes sind Urd (weiblich) und Werd (männlich), das Paar des Vollmondes sind Raiive (weiblich) und Alto (männlich). Diese "Götter" haben eine Schutzfunktion für die sie verehrenden Menschen und werden rituell bei Vollmond und Neumond angerufen.

Dies mag als kleiner Einblick in das Pantheon der Samen genügen, es soll aber nicht verschwiegen werden, dass es noch wesentlich mehr Aspekte der großen Mutter gibt, die hier unberücksichtigt blieben.

In Ritualen von Schamaninnen und Schamanen sind diese ohne Geschlecht. Natürlich bleibt die äußere Form erhalten, jedoch sind alle Handlungen während eines Rituals so, als wären sie von einem geschlechtslosen Wesen getan worden. Diese Beschränkung ist wohl historisch gewachsen, da nur sie es einem männlichen Schamanen ermöglicht in die intimsten Bereiche einer Frau zum Beispiel im Rahmen eines Heilungsrituals vorzudringen, gleiches gilt für Schamaninnen im Umgang mit Männern. In Anbetracht der großen Entfernungen und der wenigen Schamanen, war dies die einzige Möglichkeit um in Notfällen rasch Hilfe leisten zu können. Außerdem können ein geschlechtsloser Schamane oder eine geschlechtslose Schamanin keine sexuellen Tabus verletzen und zum Beispiel Eifersucht provozieren.